Für in Moskau hingerichtete Werderaner sind Urnen in ihrer Heimat beigesetzt worden
WERDER - Acht junge Werderaner, die 1952 in Moskau hingerichtet worden waren, haben gestern in ihrer Heimatstadt Werder ihre letzte Ruhe gefunden. Die Abiturienten der Carl-von-Ossietzky-Schule haben gegen das DDR-Regime für Freiheit, gesamtdeutsche Wahlen und den Abzug der sowjetischen Besatzungsmacht gekämpft.
Sigurd Blümcke und Werner Bork – Freunde der Widerstandskämpfer – versenkten für jedes Opfer eine Urne unter einem Grabstein. Die Behältnisse haben die beiden mit Erde aus deren Massengrab auf dem Moskauer Friedhof Donskoje gefüllt. Auf den Grabsteinen stehen die Namen der Opfer und deren Beruf geschrieben. Auf dem Werderaner Friedhof ist außerdem ein Mahnmahl enthüllt worden.
Mit dem symbolischen Akt wollten Blümcke und Bork jedoch nicht nur an ihre Schulkameraden erinnern. Vielmehr geht es ihnen darum, alle Opfer der DDR-Diktatur zu würdigen und damit zu verhindern, dass das Unrecht in der DDR-Zeit nicht aus den Köpfen der Menschen verschwindet. „Die DDR darf nicht in die Kuschelecke gestellt werden“, erklärt Bork.
Die Idee für die feierliche Zeremonie ist Sigurd Blümcke im letzen Jahr im Toskana-Urlaub gekommen: „Danach haben wir Pfarrer Immo Ribecke gefragt, und der war sofort dabei“. Jetzt sind die beiden ehemaligen Widerstandkämpfer zufrieden. „Nun ist dieses Kapitel endgültig abgeschlossen, da rumorte noch was“, sagt Blümcke, der selbst Anführer einer zweiten Widerstandsgruppe in der Ossietzky-Schule war.
Um für die Freiheit zu kämpfen, haben die acht jungen Werderaner vor allem Flugblätter verteilt. „Mitbürger geht nicht zu Wahl! Wer die Nationale Front wählt, wählt die Spaltung Deutschlands für immer“, hat auf einem Handzettel gestanden. Das war im Oktober 1950, als die Wahl der Volkskammer angestanden hat. Die Abgeordneten ersetzen das erste provisorische Parlament, das 1949 im Zuge der Gründung der DDR gebildet worden ist. „Wir wollten nicht das braune Hemd der Hitlerjugend mit dem blauen Hemd der FDJ tauschen“, sagt Bork.
Aufgrund ihres Protests sind die jungen Widerständlern festgenommen, zum Tode verurteilt und den sowjetischen Besatzern übergeben worden. „Die Hinrichtungen fanden stets nach Mitternacht statt“, sagt Blümcke. Die Asche der Werderaner Lehrlinge und Studenten sowie weiterer etwa 1000 deutscher Opfer der DDR-Diktatur ist anschließend anonym auf dem Friedhof Donskoje verscharrt worden.
„Wir waren oppositionell, jung und unerfahren “, sagt Blümcke. „Und immer fröhlich, verliebt mit einem Schalk im Nacken“, fügt der ehemalige Anführer der zweiten Widerstandgruppe in der Ossietzky-Schule hinzu. Die Mitglieder beider Gemeinschaften hat das Interesse an Jazzmusik und das Engagement in der schulischen Theatergruppe verbunden. Die Motive für den Widerstand seien hingegen ganz unterschiedlich gewesen.
„Das Wissen über die DDR nimmt bei den Menschen kontinuierlich ab“, sagte Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), der zum symbolischen Akt in die Blütenstadt gereist war. Aus diesem Grund müsse seiner Meinung nach die DDR-Geschichte einen festen Platz in den Geschichtsbücher einnehmen. Werders Bürgermeister Werner Große (CDU) zeigte sich ebenso erschüttert von den vielen „Halbwahrheiten“, die im Umlauf sind. „Dieses deformierte Geschichtsbild muss gerade gerückt werden“, sagte Große.