Keine Spur von Euphorie in Handwerksbetrieben / Chefs besorgt um qualifizierten Nachwuchs
GLINDOW - Billiganbieter, Außenstände durch säumige Kunden und nachlässiger Nachwuchs machen Handwerksbetieben in Glindow noch immer das Leben schwer.
Wieder ging ein städtischer Auftrag an den Bewerber mit dem billigsten Angebot. Auch die Tiefbau- und Erschließungs GmbH in Glindow hatte ein Angebot abgegeben, war aber in der Endsumme geringfügig teurer. So erlebt es der Geschäftsführer des lokalen Dienstleisters, Peter Matzdorf, viele Male im Jahr. Er ist sauer darüber, dass Kommunen die Möglichkeit der beschränkten Ausschreibung zu wenig nutzen, oft nur Zahlen, zu wenig die Leistungen vergleichen. „Dabei könnte so die regionale Wirtschaft vor Ort bei fairen Angeboten spürbar gefördert werden“, sagte Matzdorf gestern bei einem turnusmäßigem Besuch von Handwerkskammerpräsident Bernd Ebert.
Was die Firma bei sieben Millionen Euro Umsatz im 11.Jahr ihres Bestehens mit 56 Mitarbeitern und Lehrlingen zu leisten vermag, hat sie laut Matzdorf unter anderem beim Wohnungsbau in Potsdam und beim Parkplatzbau am Krongut bewiesen. Der Geschäftsführer hofft, dass die gegenwärtig fünf Lehrlinge leistungsmäßig die Ausbildung gut bewältigen, damit sie übernommen werden können. „Von den Bewerbern für einen Ausbildungsplatz mussten wir im Durchschnitt 85 Prozent gleich wieder nach Hause schicken, weil ihre schulischen Leistungen vor allem in Mathematik unzureichend waren.“ Der Chef kann sich auch für die neue Initiative gar nicht nicht begeistern, bei der Firmen vom Staat mit 6000 Euro unterstützt werden, wenn sie junge Leute ausbilden, die bisher erfolglos ins Berufsleben gestartet sind. „Was wir brauchen sind motivierte, zuverlässige Leute, die auch mit Zahlen umgehen können, sonst können wir die an uns gestellten Anforderungen nicht erfüllen.“ Auch die Ich-AGs sind dem Chef ein Dorn im Auge, weil sie mit ihren Angeboten die Preise verderben und dann ohne kaufmännische Erfahrung meistens privat Insolvenz anmelden müssen.
Meister Christian Schmidt in Glindow konnte zwar mit seinen Betrieben für Elektro- und für Fliesenlegerarbeiten 2007 nach langer Zeit schwarze Zahlen schreiben, aber die Außenstände von säumigen Kunden liegen ihm dennoch schwer im Magen. Fünf gerichtliche Auseinandersetzungen dazu sind im Jahr die Regel. 163 000 Euro Minus musste der Betrieb allein deshalb verkraften, weil eine große Leipziger Firma bankrott ging. Schmidt kritisierte gegenüber Ebert die Gesetzeslücke des Staates, der bis heute das fällige Zahlen als Kür statt als Pflicht zulässt – zum Schaden vieler Handwerksbetriebe. Erst wenn diese mahnen, denke mancher Kunde das erste Mal darüber nach, ob er zahlt.
Heute sind die Auftragsbücher bei Christian Schmidt gut gefüllt, stehen insgesamt 4,8 Millionen Euro Umsatz in der Bilanz. Auch am Schützenhaus in Werder wirkt der Handwerksbetrieb mit und baut dort wie in zahlreichen anderen großen Eigenheimen und Zweckbauten einen sogenannten Europäischen Installationsbus ein. Der kann zum Beispiel die Beleuchtung, die Heizung sowie die Alarmanlage steuern. Auch die Fernüberwachung und -steuerung eines Gebäudes ist damit möglich. Die Nachfrage ist laut Schmidt gewachsen, obwohl es für private Haushalte bei bis zu rund 10 000 Euro Kosten kein Schnäppchen ist.
Hohe Anforderungen verlangen qialifizierte Mitarbeiter, sagt Schmidt. „Doch die Bewerber für eine Ausbildung sind deutlich weniger geworden, deren Leistungen nicht besser. Wir hoffen auf eine bessere Berufsvorbereitung in den Schulen, nur so können die Defizite bei den jungen Leuten abgebaut werden.“