CDU Stadtverband Werder (Havel)

Das Duell

36 Mal Petke und 12 Mal Junghanns – die CDU-Basis prüft die Bewerber um den
Parteithron
GÖTZ Sven Petke ist schon eine knappe Stunde früher da. Die Kerzen des Weihnachtsbaums tauchen
den Speisesaal des Fortbildungszentrums der Potsdamer Handwerkskammer in Götz (Potsdam-
Mittelmark) in mildes Licht. Der Tontechniker schraubt noch an den Mikrofonen, jemand rückt die
Namensschilder auf dem Tisch des Präsidiums zurecht. Zwischen Petke und seinem Kontrahenten Ulrich
Junghanns soll die Chefin der mittelmärkischen CDU, Saskia Funck, sitzen. Der Saal füllt sich. Gut 140
Christdemokraten aus den Kreisen Potsdam-Mittelmark, Havelland und Brandenburg/Havel sind zur
dreistündigen Debatte mit beiden Bewerbern um den CDU-Vorsitz in den Neubau im Gewerbegebiet
gekommen.
Für Petke ist Götz ein Heimspiel. In den mitgliederstarken CDU-Verbänden von Westbrandenburg hat
der Ex-Generalsekretär nicht wenige Sympathisanten. Der 39-Jährige ist dennoch nervös, streicht
immer wieder das Sakko glatt, obwohl der Nadelstreifenanzug perfekt sitzt. Petke schüttelt Hände,
klopft auf Schultern, flüstert diesem und jenem etwas ins Ohr. Die Verständigung wird schwierig, weil
das Schalmeienorchester aus Rathenow kräftig aufspielt.
Eine viertel Stunde vor Beginn kommt Ulrich Junghanns. Dem Wirtschaftsminister bleibt im
Tagesgeschäft wenig Zeit, um solche Termine wahrzunehmen. Zwölf Mal war er nach eigenen Angaben
bislang auf Vorstellungsreise bei der CDU-Basis. Petke nennt 36 Auftritte, Götz ist der dritte
gemeinsame.
Auch Junghanns versucht, das Eis zu brechen, grüßt die Umstehenden mit Handschlag. Bei Namen hat
der 50-Jährige aber ein Problem. Den Grund dafür beschreibt er in seiner späteren Vorstellungsrede
verblüffend ehrlich: "Ich komme aus der zweiten Reihe und stand immer hinter Jörg Schönbohm.
Manche hätten sich von mir vielleicht mehr erwartet." Petke hingegen kennt sich durch seinen
bisherigen Job als Generalsekretär im "Who is who" der märkischen CDU bestens aus.
Vorstellung in 15 Minuten
Die Kandidaten haben 15 Minuten Zeit, sich vorzustellen. Auch Junghanns weiß, wie viel davon abhängt,
dass man bei den Leuten ankommt. "Das Wohl und Wehe der CDU macht sich an Personen fest, die die
Partei führen", erklärt er. Jörg Schönbohm habe der CDU Kompetenz gebracht und sie regierungsfähig
gemacht. "Ich will aber nicht der bessere Schönbohm sein", ruft Junghanns in den Saal. Für einen
Zwischenapplaus, wie später bei Petke, reicht das aber noch nicht. Der Wirtschaftsminister spricht von
"Aufrichtigkeit", die in die Union zurückkehren müsse. Er will einen "neuen Aufbruch" organisieren und –
genau wie Petke – "aus dem Tal der 20 Prozent herauskommen". Die brandenburgische CDU hatte bei
der Landtagswahl 2004 lediglich 19,4 Prozent und bei der Bundestagswahl ein Jahr später 20,6 Prozent
der Stimmen geholt.Die Einstiegsrede von Junghanns, dem immer wieder ein Rückfall ins DDR-Funktionärsdeutsch
angelastet wird, ist weniger sperrig als befürchtet, hat aber dennoch semantische Tücken. So schlägt
der Ex-Vorsitzende der Bauernpartei einen gewaltigen Bogen von den bürgerlichen Werten bis zur
Hauptstadtregion. Die Wortungetüme sind schwer verdauliche Kost, auch für den Landwirt Reinhard
Benke aus Planetal (Potsdam-Mittelmark). Er fordert mehr Perspektiven für die Jugend auf dem Lande.
Die Antwort des Ministers, wonach Brandenburg "neue Ansätze für mehr Wertschöpfung jenseits der
Primärproduktion" benötige, hinterlässt nicht nur bei Benke offenkundige Ratlosigkeit."Er is eben wie er
is", seufzt ein Zuhörer. "Wieso? Geht doch", entgegnet sein Nachbar.
Während Junghanns noch immer vom "Schulterschluss" spricht und sich auch ansonsten aus der
politischen Asservatenkammer zu bedienen scheint, hat Petke längst das "neue Wir-Gefühl" für sich
entdeckt. "Neu" und "Wir" tauchen bei ihm in Variationen immer wieder auf.
Junghanns spart auch die E-Mail-Affäre nicht aus, die die CDU in zwei Lager gespalten hat – ins Petke-
Lager und ins Junghanns-Lager. Er sei "außerordentlich froh", dass die strafrechtlichen Ermittlungen
eingestellt wurden. Die Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren gegen Petke, Ex-Landesgeschäftsführer
Rico Nelte und den früheren Internetdienstleister der CDU, Daniel Schoenland, vergangene Woche fallen
gelassen.
Schachtelsätze am Abend
Petke weiß um die Unverträglichkeit von Schachtelsätzen nach 20 Uhr. Sein Lob des Publikums entpuppt
sich als unschlagbare Aufwärmtaktik. Er freue sich, dass so viele Mitglieder gekommen seien. "Sie sind
für mich das Wichtigste." Anders als Junghanns, der selbst am Kabinettstisch sitzt und folglich
begründete Beißhemmungen hat, greift Petke die SPD direkt an. Mit der vorläufigen Aufkündigung des
Weihnachtsgeld-Gesetzes für Beamte bringe der Koalitionspartner die Konsolidierung des Haushalts in
Gefahr. Petke strafft sich hinter dem Rednerpult und ruft: "Das ist eine existenzielle Frage." Es folgt der
zweite Zwischenapplaus.
Junghanns steckt nicht auf. Als Dieter Braune aus Brück (Potsdam-Mittelmark) in der anschließenden
Fragerunde wissen will, wie es Junghanns bewerte, dass die SPD für den Fall der Petke-Wahl mit dem
Koalitionsbruch drohe, wird der Wirtschaftsminister emotional: "Die SPD muss dankbar sein, dass es die
CDU gibt, sonst hätte sie vieles nicht erreicht." Junghanns bleibt dennoch Bewahrer der Koalition:
"Gestalten kann man nur in der Regierung." Die von der CDU gerügte Sicherung der Pensionsansprüche
für den jetzigen Cottbuser Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD) sei kein Grund, die Koalition zu
verlassen. "Mit dem Gang in die Opposition kann man nicht spielen", sagt Junghanns und erhält Beifall.
Petke sieht das Verhältnis zur SPD kritischer: "Wir sind nicht in der Koalition, um Rot-Rot zu verhindern,
sondern um Politik für Brandenburg durchzusetzen. Das kann aber nur eine starke CDU. Und die
müssen wir wieder werden." Für Bodo Oehme, Bürgermeister in Schönwalde-Glien (Havelland) ist es ein
Unding, dass Ministerpräsident Matthias Platzeck sowie Bildungsminister Holger Rupprecht und
Agrarminister Dietmar Woidke für die SPD "segnend" durchs Land zögen, während es Aufgabe der CDU
sei, die unangenehmen Wahrheiten zu verkünden. Junghanns begegnet dem Vorwurf mit bekümmertem
Gesicht: "Ich sag’ es ganz ehrlich: Rundreisen mit Förderbriefen sind mir suspekt. Vielleicht muss ich da
etwas ändern." Jeder im Saal, der den Frankfurter kennt, weiß: Genau das wird ihm schwerfallen. Er ist
kein Verkäufer. Er ist ein beharrlicher Fleißarbeiter, der gern hinter Schönbohm stand.