CDU Stadtverband Werder (Havel)

Nach dem Kater ist vor dem Kater

Tradition Das Baumblütenfest hat schon immer polarisiert: Die Massen lieben es, Geschmacksapostel hätten’s gern gediegener
WERDER - Die Unterzeichner des offenen Briefs waren aufgebracht: „Der Rummel hat Überhand genommen“, werde zur „Belästigung“, warnten sie. Auswüchse müssten „schonungslos beseitigt werden“. Öffentliche Kritik am Charakter des Werderaner Baumblütenfest – so klang sie 1926 in einem offenen Brief erzürnter Bürger.

82 Jahre später setzt sich eine kleine Gruppe von Inselbewohnern für die Verbannung von „Losbuden, Riesenrad und Geisterbahn“ von der Insel ein. Wieder kursiert ein offener Brief, der eine „bessere Verträglichkeit“ anmahnt. „Das Fest soll bleiben, aber nicht zur Ballermannmeile verkommen“, postuliert die Vorsitzende der neu gegründeten „Initiative 2008“ Uta Klotz – um ein „höheres Niveau“ gehe es den Unterzeichnern.

Der Ton zwischen Initiative und Stadtverwaltung ist gereizt. Ein Reiseveranstalter hat als Reaktion auf den medienwirksam aufbereiteten Protest seine Teilnahme abgesagt, im Rathaus spricht man von Imageschaden. Schon hat sich eine Gegeninitiative (Werder24) zur Anwohnerliste gebildet, um das Fest in seiner bisherigen Form zu bewahren.

Der Kampf ums Niveau ist so alt wie das Fest um den süßen Obstwein, dessen 129. Auflage die Havelstadt am übernächsten Wochenende feiert. Jede Generation hat mit der Riesensause gehadert, Geschmacksapostel rümpfen seit jeher die Nase – und doch kam der Kronprinz im Jahr 1900 ebenso zuverlässig an den Wachtelberg wie Ministerpräsident Matthias Platzeck heute. Wenn Bürgermeister Werner Große an der Seite der Baumblütenkönigin am 26. April die Parade der geschmückten Festwagen anführen wird, um eines der größten Volksfeste Deutschlands zu eröffnen, wird sich erneut zeigen: Das Baumblütenfest hat bislang jeden Kater weggesteckt – und die Veranstalter haben sich Kritik stets zu Herzen genommen.

So griffen die Behörden schon 1925 ein, um die Einwohner vor Lärm zu schützen. „Der Handel mit Pfeif-, Blas- und Lärminstrumenten ist verboten“, heißt es in einer Polizeiverordnung. Leierkastenspieler fand der Berichterstatter des Teltower Kreisblatts schon 1894 nervtötend.

Im Jahr 2008 haben es die Behörden mit haushohen Boxentürmen zu tun – die Verwaltung hat gerade den Kauf eines Dezibelmessgeräts (700 Euro) beschlossen, um Verstöße besser ahnden zu können.

Eine Großbühne von dreien wurde von der Insel verbannt, seit dem Jahr 2005 werden die Verstärker um 22 Uhr ausgeknipst. Damit die ohnehin vom Obstwein aufgeheizte Stimmung zu Himmelfahrt nicht überkocht, haben die Veranstalter einen musikalischen Tranquilizer ins Hauptprogramm genommen: „Volkstümliche Blasmusik“. Doch die „Initiative 2008“ will mehr: Konzerte sollten „janz weit draußen“ auf Wiesen oder Obstplantagen stattfinden, fordert Sprecherin Uta Klotz.

Klotz ist vor einigen Jahren nach Werder auf die Insel gezogen und vermietet Zimmer in ihrem schmuck sanierten Haus – unmittelbar neben dem Standort des Riesenrads.

Großgeräte wollen Klotz und ihre Mitstreiter von der Insel verbannen – und ernten damit heftigen Widerspruch aus dem Rathaus. „Die Fahrgeschäfte bringen hohe Einnahmen. Darauf kann man nicht verzichten, sonst steht die Finanzierung des ganzen Fests in Frage“, sagt Bürgermeister Werner Große.

Als der CDU-Mann 1990 Bürgermeister wurde, hatte die Stadt, die das Fest damals in Eigenregie veranstaltete, 250 000 Euro Schulden. „Wir standen damals knapp vor der Pleite“, sagt Große. Dann lieber Großgeräte. Unter Großes Regierung wurde immerhin die Wippschaukel durch ein Riesenrad ersetzt, weil es relativ erschütterungsfrei läuft – zum Wohle der renovierten Fassaden.

Kommerz gehört dazu. Das erkannte hellsichtig der Kommentator des Generalanzeigers Werder im ersten Festjahr 1879: „Mit Sicherheit spielte der Gedanke von guten Geschäften für die Stadt und das Gewerbe eine nicht unwichtige Rolle.“

Auf 25 Millionen Euro schätzt Bürgermeister Große den Gesamtumsatz, den die Region den tollen Tagen der Baumblüte verdankt. 500 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr. Und er befürchtet: „Wenn man das Fest so aufziehen würde, wie die Initiative sich das vorstellt, würde man keinen Veranstalter mehr finden.“

Der Bürgermeister teilt mit Kritikerin Uta Klotz eine wesentliche Sorge: Auch an sein Haus am Markt urinieren die weinseligen Besucher in Scharen. „Ich haue das mit zwei Eimern Wasser weg“, berichtet Große. Zudem stelle die von der Stadt beauftragte Veranstaltungsagentur mehr Klohäuschen auf als 2007.

Dass die Besucher der Baumblüte über die Stränge schlagen, hat kein Bürgermeister vor Große verhindern können. 52 „sinnlos Betrunkene“ wurden etwa 1926 in Gewahrsam genommen. Vandalismus mussten die Ordnungshüter während des Dritten Reichs („grober Unfug“) wie auch die DDR-Behörden verzeichnen. „Grüne Wochen“ nannten Spötter das Fest zu DDR-Zeiten, weil „hinter jedem Baum ein Polizist“ stehe. Als Festbesucher 1976 die Höhengaststätte Friedrichshöhe zerlegten, verbot die Verwaltung den Weinausschank. Auf Stadtseite in vorderster Front damals: der stellvertretende Bürgermeister Werner Große. „Das mit dem Verbot war nur ein paar Tage durchzuhalten – die Leute wurden unruhig“, erinnert er sich.

Große tut Gewalt nicht als Kollateralschaden ab, dazu kam sie ihm zu nah. Das Kind einer Rathausmitarbeiterin wurde Anfang 1991 auf dem Fest Opfer eines Gewaltverbrechens – in diesem schwarzen Jahr starben zwei Menschen. Seither sind Großzelte verboten. Der Bürgermeister stand auch im Rauch der Feuerwerkskörper am Bahnhof zwischen Hooligans und sprach Platzverweise aus. Auch dieser Irrsinn hat Tradition. Das Zauch-Belziger Tagblatt berichtete bereits 1905 von „lebensgefährlichem Treiben“ auf dem Bahnhof.

Sicherheitstipps von der „Initiative 2008“ sind nicht das, worauf Große schon lange wartet – Uta Klotz und ihre Mitstreiter fordern größere Sicherheitsabstände zwischen Buden und Häusern und einen „Reparaturfonds“ für geschädigte Anlieger. Lediglich sieben Sachbeschädigungen auf der Insel seien 2007 angezeigt worden, argumentiert Große. Stattdessen sollen mehr Sicherheitskräfte in den Straßen unterwegs sein – die Stadt hat die Zahl ihrer Aufpasser von sechs auf zehn aufgestockt. Zudem patroullieren Polizei, privater Sicherheitsdienst, Sozialarbeiter und Malteserhilfsdienst durch die Gassen. „Das Baumblütenfest ist sicherer geworden“, resümierte der Einsatzleiter der Polizei, Mathias Tänzer, im Jahr 2007.

Ein bisschen Ausnahmezustand wird bleiben. „Wer nach Köln zieht, wird zur Karnevalszeit auch einen Kulturschock bekommen“, sagt Bürgermeister Große. Und fügt spitz hinzu: „Die Alteingesessenen haben sich arrangiert“.